Intouchables (2011)

Das Kino als Fluchtpunkt aus der Realität – keine völlig neue Perspektive; insofern befindet sich INTOUCHABLES in bester Gesellschaft. Es ist bezeichnend für die französische Volksseele, dass die in Deutschland unter dem selten blöden Titel ZIEMLICH BESTE FREUNDE laufende Komödie beim Nachbarn im Westen zum bis dato zweiterfolgreichsten film français aller Zeiten avancierte, ein Film, der nur wenige Jahre nach den Unruhen in den Pariser Banlieues die Unterschiede zwischen (schwarzer) Unterschicht und (weißer) Oberschicht so entpolitisiert, gar banalisiert darstellt, wie man es hierzulande keinem Regisseur durchgehen lassen würde. Im Erfolg von INTOUCHABLES manifestiert sich, in Zeiten einer ungewissen Moderne samt verlorener Triple-A-Bestnoten, ein Heile-Welt-Bedürfnis, das dabei auch in die deutschen Kinos strahlen dürfte, denn das Wunderliche ist: INTOUCHABLES ist kein schlechter Film, bei weitem nicht.

Ex-Häftling Driss (Omar Sy) will nur den Schein fürs Amt, sonst nichts, doch seine Offenheit beeindruckt den querschnittsgelähmten Kunstliebhaber Philippe (François Cluzet), der das Mitleid seiner Umgebung hasst, und so findet sich der wenig qualifizierte Driss als Krankenpfleger wieder, zu seinem Erstaunen ebenso wie dem von Philippes Entourage, die dem wenig intellektuellen Schwarzen zunächst eher wenig abgewinnen kann. Das Weitere wird man sich denken können; INTOUCHABLES ist selbst in seinen besten Momenten vorhersehbar, aber auch in seinen schlechtesten noch grundsympathisch. Den Regisseuren Olivier Nakache und Éric Toledano geht jedes Gespür für Sozialkritik völlig ab, doch der Film tut erkennbar gut daran, damit offensiv umzugehen und voll auf die Chemie zwischen seinen Hauptfiguren zu setzen, wobei er, verspielt-elegant untermalt vom überaus gelungenen Soundtrack Ludovico Einaudis, ein erstaunliches Gefühl für Timing sowohl der reichlich eingeworfenen Pointen als auch der ruhigeren Momente beweist, wie man es bei derlei Culture-Clash-Geschichten eher selten zu sehen bekommt.

Fraglos, die Geschichte hat ihre Macken: Als eine von diesen erweist sich Elisa, Philippes Tochter, deren angerissene Handlung merkwürdig inkonsequent im Leeren verläuft; eine andere ist Driss’ Familie, deren Signifikanz INTOUCHABLES gleichfalls weitgehend ausspart, als müsse man sorgfältig darauf aufpassen, nicht zu viel Tiefe aufkommen lassen. Als völlig unsinnig erweist sich die ausschließlich ihrem Selbstzweck verpflichtete, sinnlos aus dem Schluss des Films herausgerissene Auftaktszene. Ja, der Film macht nicht alles richtig; doch sei’s drum: Gerade die beiden Hauptdarsteller schaffen es, vieles wieder auszubügeln, und vor allem ihnen verdankt INTOUCHABLES seinen Erfolg – Omar Sy, dem die Spielfreude ins Gesicht geschrieben steht, der so lustvoll und selbstironisch mit Stereotypen jongliert, wie es Hollywoods A-Riege nur selten zustande bringt, und François Cluzet, der viel vom dem offenbart, was den Alltag von Menschen mit Behinderung wie nichts Anderes prägt: Das Ringen um die eigene Würde. Die Leidenschaft, mit der beide in ihren Rollen aufgehen, macht INTOUCHABLES – übrigens nach einer wahren Begebenheit, auch wenn das meist ja eher nicht als Gütesiegel taugt – zu einem durchweg gelungenen Feelgood-Movie weit abseits jedes politischen Diskurses, dem man seinen Erfolg dennoch – oder gerade deshalb – gönnt.

Fazit: Zwei famose Hauptdarsteller spielen sich durch das Feel-Good-Movie des wenn auch noch jungen Jahres: Zwar vorhersehbar und um Sympathie heischend, aber ebenso lebensbejahend, bezaubernd und zum Brüllen komisch.

Wertung: ★★★★★★★½☆☆

Intouchables (dt. Ziemlich Beste Freunde, Fr 2011) | Regie+Skript: Olivier Nakache, Éric Toledano | mit Omar Sy, François Cluzet | FSK 6 | 112 min.

Weitere Meinungen: Frau Flinkwert (9/10), Watched (7/10)

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19 Antworten zu „Intouchables (2011)“

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