
Das Kino als Fluchtpunkt aus der Realität – keine völlig neue Perspektive; insofern befindet sich INTOUCHABLES in bester Gesellschaft. Es ist bezeichnend für die französische Volksseele, dass die in Deutschland unter dem selten blöden Titel ZIEMLICH BESTE FREUNDE laufende Komödie beim Nachbarn im Westen zum bis dato zweiterfolgreichsten film français aller Zeiten avancierte, ein Film, der nur wenige Jahre nach den Unruhen in den Pariser Banlieues die Unterschiede zwischen (schwarzer) Unterschicht und (weißer) Oberschicht so entpolitisiert, gar banalisiert darstellt, wie man es hierzulande keinem Regisseur durchgehen lassen würde. Im Erfolg von INTOUCHABLES manifestiert sich, in Zeiten einer ungewissen Moderne samt verlorener Triple-A-Bestnoten, ein Heile-Welt-Bedürfnis, das dabei auch in die deutschen Kinos strahlen dürfte, denn das Wunderliche ist: INTOUCHABLES ist kein schlechter Film, bei weitem nicht.
Ex-Häftling Driss (Omar Sy) will nur den Schein fürs Amt, sonst nichts, doch seine Offenheit beeindruckt den querschnittsgelähmten Kunstliebhaber Philippe (François Cluzet), der das Mitleid seiner Umgebung hasst, und so findet sich der wenig qualifizierte Driss als Krankenpfleger wieder, zu seinem Erstaunen ebenso wie dem von Philippes Entourage, die dem wenig intellektuellen Schwarzen zunächst eher wenig abgewinnen kann. Das Weitere wird man sich denken können; INTOUCHABLES ist selbst in seinen besten Momenten vorhersehbar, aber auch in seinen schlechtesten noch grundsympathisch. Den Regisseuren Olivier Nakache und Éric Toledano geht jedes Gespür für Sozialkritik völlig ab, doch der Film tut erkennbar gut daran, damit offensiv umzugehen und voll auf die Chemie zwischen seinen Hauptfiguren zu setzen, wobei er, verspielt-elegant untermalt vom überaus gelungenen Soundtrack Ludovico Einaudis, ein erstaunliches Gefühl für Timing sowohl der reichlich eingeworfenen Pointen als auch der ruhigeren Momente beweist, wie man es bei derlei Culture-Clash-Geschichten eher selten zu sehen bekommt.
Fraglos, die Geschichte hat ihre Macken: Als eine von diesen erweist sich Elisa, Philippes Tochter, deren angerissene Handlung merkwürdig inkonsequent im Leeren verläuft; eine andere ist Driss’ Familie, deren Signifikanz INTOUCHABLES gleichfalls weitgehend ausspart, als müsse man sorgfältig darauf aufpassen, nicht zu viel Tiefe aufkommen lassen. Als völlig unsinnig erweist sich die ausschließlich ihrem Selbstzweck verpflichtete, sinnlos aus dem Schluss des Films herausgerissene Auftaktszene. Ja, der Film macht nicht alles richtig; doch sei’s drum: Gerade die beiden Hauptdarsteller schaffen es, vieles wieder auszubügeln, und vor allem ihnen verdankt INTOUCHABLES seinen Erfolg – Omar Sy, dem die Spielfreude ins Gesicht geschrieben steht, der so lustvoll und selbstironisch mit Stereotypen jongliert, wie es Hollywoods A-Riege nur selten zustande bringt, und François Cluzet, der viel vom dem offenbart, was den Alltag von Menschen mit Behinderung wie nichts Anderes prägt: Das Ringen um die eigene Würde. Die Leidenschaft, mit der beide in ihren Rollen aufgehen, macht INTOUCHABLES – übrigens nach einer wahren Begebenheit, auch wenn das meist ja eher nicht als Gütesiegel taugt – zu einem durchweg gelungenen Feelgood-Movie weit abseits jedes politischen Diskurses, dem man seinen Erfolg dennoch – oder gerade deshalb – gönnt.
Fazit: Zwei famose Hauptdarsteller spielen sich durch das Feel-Good-Movie des wenn auch noch jungen Jahres: Zwar vorhersehbar und um Sympathie heischend, aber ebenso lebensbejahend, bezaubernd und zum Brüllen komisch.
Wertung: ★★★★★★★½☆☆
Intouchables (dt. Ziemlich Beste Freunde, Fr 2011) | Regie+Skript: Olivier Nakache, Éric Toledano | mit Omar Sy, François Cluzet | FSK 6 | 112 min.
Weitere Meinungen: Frau Flinkwert (9/10), Watched (7/10)


31. Januar 2012 um 3:03 nachmittags
Die Familienhandlung fand ich schon wichtig, um den Charakter des Driss besser zeichnen zu können. Die Szene mit der Tochter musste wohl sein, um zu zeigen, wie hilflos ein alleinerziehender, behinderter Vater sein kann und die Auftaktszene, die am Ende aufgelöst wird, fand ich wirklich schön in Szene gesetzt.
Bisher mein Film des Jahrs, der wohl nur noch von Batman getoppt wird.
31. Januar 2012 um 9:00 nachmittags
Den Sinn besagter Szenen bzw. angeschnittener Handlungsstränge stelle ich auch gar nicht in Frage, bloß ihre halbherzige Umsetzung.
31. Januar 2012 um 5:41 nachmittags
Wollte nur kurz anmerken, noch am Leben zu sein und mir die Seite zum Später-Lesen markiert zu haben.
Frohes neues Jahr!
31. Januar 2012 um 7:48 nachmittags
Er schreibt wieder! Alleine das ist eine gute Nachricht.
Stimme dir in deinen Kritikpunkten vollkommen zu, ebenso in der Wertung. Allerdings war mir der Humor teilweise einfach zu flach, kann man ja jetzt auch bei mir nachlesen (ein bisschen Eigenwerbung darf ja wohl sein)
31. Januar 2012 um 8:50 nachmittags
Ich habe während der Sichtung zum ersten Mal seit langem keinen einzigen Gedanken an Rezensionsphrasen und Punktwertungen verschwendet und nahm das als gutes Zeichen, doch mal wieder einen Blogpost springen zu lassen.
Ja, ich hab dein Review gerade auch schon gefunden.
31. Januar 2012 um 8:10 nachmittags
Juhuuuu, Borsti is back!!!
31. Januar 2012 um 8:12 nachmittags
und der unterschwelliges Rassismus, dass dem “blöden” Schwarzen erstmal Kultur und Zivilisation beigebracht werden muss, störte nicht. – Ich hab den Film nicht gesehen, nur dahingehend einiges negatives gelesen
31. Januar 2012 um 8:56 nachmittags
Ich habe es so jedenfalls nicht wahrgenommen. Mag daran liegen, dass ich mit Oper, Malerei etc. in der Regel ähnlich wenig anfangen kann und Driss’ Respektlosigkeit vor der “weißen Hochkultur” im Zeitalter der Feuilletondiktaturen als extrem erfrischend wahrnehme. Umgekehrt kann man nämlich genauso argumentieren, dass dem blöden Weißen erstmal Lebensfreude beigebracht werden muss, und den Film so zu deuten finde ich bedeutend naheliegender.
1. Februar 2012 um 8:13 vormittags
Ich tue mich ja immer ein wenig schwer mit französischen Komödien. Ich habe damals diesen “Sch’ti” oder “Schti”-Film gesehen. Der war zwar nett, aber mir wurde immer gesagt, dass der in Deutsch nur halb so lustig ist wie im Original. Gut, dass ist ja eigentlich immer so. Nur da ich kein Französisch kann, bleibe ich französischen Komödien dann doch lieber fern.
2. Februar 2012 um 11:22 vormittags
Und was ist mit “Amélie”?
“Sch’tis” habe ich auch nicht gesehen, hab ähnliches gehört und der Trailer war mir zu flach … Vielleicht mal nachholen.
2. Februar 2012 um 3:24 nachmittags
“Amelie” habe ich damals in England im Kino gesehen – natürlich gab’s den da nur in OmU. Die DVD habe ich mir dann auch da gekauft. Insofern kann ich mir den nur im O-Ton mit Untertiteln angucken. Und dann ist es herrlich.
3. Februar 2012 um 11:46 vormittags
Ist’s auch ohne.
Meine DVD hat leider aus irgendeinem Grund nur deutschen und englischen Ton, c’est merde …
2. Februar 2012 um 10:23 nachmittags
GENIALER FILM DEN JEDER GESEHEN HABEN SOLLTE…pas de bras pas de chocolat…genial
…und verlange Revidierung der Wertung SOFORT!!!
3. Februar 2012 um 11:47 vormittags
Nö, weil gut begründet.
13. März 2012 um 3:52 nachmittags
woher bekomm ich denn die dvd mit deutschem ton? (außer auf den deutschen erscheinungstag zu warten?)
23. März 2012 um 1:43 nachmittags
Mal ein kleiner Anstoß für ein bisschen Zeit mit dem Blog, ich habe da ein, zwei (eigentlich fünf) Fragen an dich:
http://doscorazonesblog.wordpress.com/2012/03/23/funf-fragen/
26. März 2012 um 10:39 nachmittags
Hey Dr. Borstel, falls du Lust hast, mach beim Filmstöckchen mit:
http://indyfilmblog.wordpress.com/2012/03/27/filmstockchen/
Grüße,
indy
26. Juli 2012 um 4:25 nachmittags
Bloggen eingestellt?
11. Januar 2013 um 8:35 nachmittags
[1] Die Geschichte von den schwarzen Buben , 1. Strophe, in: Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter. 1844, hier: Frankfurt, 1917. [2] Rita Morrien, „ Afrika mon amour “ – Der Afrika-Diskurs im populären deutschen Spielfilm, in: Deutsch-afrikanische Diskurse in Geschichte und Gegenwart, S.253-284. Amsterdam/New York 2012. [3] Die Geschichte von den schwarzen Buben , 2.-4. Strophe, in: Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter. 1844, hier: Frankfurt 1917.