
„My life is just fine“, sagt er in einem Tonfall, der es schwierig macht zu entscheiden, ob er sich genau das einzureden versucht oder wirklich davon überzeugt ist. Denn Cheyenne, von Sean Penn denkwürdig bis preisverdächtig verkörperter Protagonist in Paolo Sorrentinos Not-quite-Roadmovie THIS MUST BE THE PLACE, mangelt es nicht an Grund zum Trübsinn, den er am Liebsten mitsamt seinen widerspenstigen Haarstränen aus seinem Blickfeld pusten würde, während eine geradezu kindliche Verletzbarkeit aus seinem Robert-Smith-like bleich geschminkten Gesicht in die Kamera starrt. Doch der alternde Rockstar im Ruhestand hat eine Aufgabe, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben: Er muss einen untergetauchten Nazi-Kriegsverbrecher finden.
Einen seltsamen Plot habe Sorrentino da für sein US-Debüt zusammengeschraubt, wurde allenthalben geunkt: Ein exzentrischer Altrocker, der nach Rache für seinen in Auschwitz gepeinigten Vater sucht; so etwas geht doch nicht zusammen? Der wie immer höchst subtile Spiegel etwa benennt den Nazi-Hintergrund des Films als „Pose, die einen Selbstfindungstrip veredeln soll“ und übersieht dabei völlig (gucken die sich Filme eigentlich an, bevor sie darüber schreiben?), dass Cheyenne sich nicht wirklich zu finden braucht, trotz optischer Transformation gegen Ende derselbe geblieben ist, denn sein eigenes Trauma kommt im weiteren Verlauf des Films eigentlich kaum zur Sprache. Ergo wiegelt Cheyenne die Frage seiner Frau (Frances McDormand) nach der von Kritikern ja höchst gern in Filme hineingedeuteten Selbstfindung auch ironisch ab: „I am in New Mexico, not in India!“ Tiefsinnig ist die Auseinandersetzung mit der Auschwitz-Thematik an kaum einer Stelle, gewiss ist sie auch nicht zu verstehen als den Film umspannende Über-Handlung oder gar als Betroffenheits-Fliegenfänger; letztlich ist sie ein Teil von Cheyennes Identität, und nicht einmal ein besonders großer – wichtiger ist die Beziehung zu seinem Vater, die er nie gehabt hat, und so führt eines zum anderen, unverkrampft und ohne Hintersinn. So nimmt sich THIS MUST BE THE PLACE jeden politischen Anklang und verleiht sich dafür meistenteils genau das, was Cheyennes Vater im Vernichtungslager verloren hat: Lightheartedness.
Und die, so muss man feststellen, liegt zu einem großen Teil an Sean Penn, der sich als gequälte Smith/Osbourne-Karikatur mit Capote-Fistelstimme in eine der bemerkenswertesten Kunstfiguren der Filmgeschichte verwandelt, verpuppt in seinem aus Make-Up und lakonischem Humor gebauten Kokon der Lethargie, aus dem gelegentlich das verletzbare Kind hervorbricht, das Cheyenne als Rockstar geblieben ist. Freilich steht und fällt damit auch der Film: Wer Penn nicht mag, wird ihn hier nicht lieben lernen und sich davon ausgehend wohl auch an Sorrentinos absurdem Skript aus (letztlich gar nicht so plumpen) Kalendersprüchen und absurden Begegnungen stoßen, die sich für mich hervorragend in den Film eingefügt haben, der weder auf Stringenz noch Konsistenz großen Wert legt. Unumstritten sollten aber die fantastischen Bilder sein, die Cheyenne auf seinem Trip begleiten, Regisseur Sorrentino und noch mehr der begeisternden Kameraführung Luca Bigazzis geschuldet und bemerkenswert anders untermalt von einem merkwürdigen Soundtrack aus den titelgebenden Talking Heads, Bonnie Prince Billy und Jonsi & Alex’ unendlich traurigem „Happiness“. Sorrentinos Amerika, gleichsam repräsentiert durch Barack Obama und Sarah Palin, verlassene Motels, übervölkerte Großstädte und Fastfoodketten, die alltägliche Erinnerung an den Holocaust und immer wieder endlos erscheinende Felder und Prärien, ist zugleich Mythos, vages Versprechen und das unbestimme Fehlen von irgendetwas: „Something is not right“, stellt Cheyenne gerne in den Raum und lässt offen, was. Diesen Film wird er jedenfalls nicht meinen.
Fazit: Als verlorenes Gespenst des amerikanischen Traums schlurft ein Sean Penn wie von einem anderen Stern durch ein Roadmovie, wie man es selten zu sehen bekommt, wenn überhaupt. Wer Penn mag, sollte das gesehen haben, aber bitte unbedingt im Original.
Wertung: ★★★★★★★★★½
This Must Be The Place (dt. Cheyenne – This Must Be The Place, USA 2011) | Regie: Paolo Sorrentino | Skript: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello | mit Sean Penn, Frances McDormand | FSK 12 | 118 min.
Weitere Meinungen: Frau Flinkwert (8/10)


20. November 2011 um 1:44 nachmittags
@Dr.Borstel: Hhhhm, den Trailer hab ich letztens noch im Cinemaxx gesehen, und Sean Penn hat mich mit seiner Erscheinung erstmal kräfig geschockt, und dank deines guten Reviews werde ich mir den Film demnächst mal gönnen, wenn ich Zeit habe…

Schöne Rezi!
Gruss!
Tobias
21. November 2011 um 2:09 nachmittags
Hach ja, die Erscheinung ist in der Tat beeindruckend. Wie eine äußerst geschätzte Moviepilotin anmerkte, dürfte Penn wohl schon für seinen Haarschnitt einen Oscar kassieren.
21. November 2011 um 7:58 vormittags
Oh Gott, deine Reviews. Die sind so…meta. Und so…wunderhübsch zu lesen.
Und ja, jetzt hast du mich ein bisschen gwunderig gemacht auf den Film.
21. November 2011 um 2:10 nachmittags
Dank schee, ich geb mir ein klein wenig Mühe.
“Gwunderig” ist übrigens ein wunderbares Wort.
21. November 2011 um 10:01 vormittags
Als ich das Bild oben sah dachte ich erst er spielt einen Transvestiten oder sowas.
Die Rezension klingt sehr engagiert und macht neugierig auf den Film. Im Original…also auf englisch schauen? Ok, werd ich mir merken!
21. November 2011 um 2:11 nachmittags
Unbedingt auf Englisch. Penns Sprechweise kommt, dem deutschen Trailer nach zu urteilen, in der Synchro so gar nicht durch.
22. November 2011 um 3:43 nachmittags
Ja, manchmal muss man sich beim Spiegel wirklich fragen, ob die die Filme eigentlich gucken oder nicht. Hin und wieder sieht’s tatsächlich eher danach aus, als würden sie nur die Trailer begutachten und das, was andere so schreiben.
Den film habe ich auch noch auf meiner Liste, allein schon wegen dieser absurden Aufmachung von Sean Penn
Wenn einer sowas kann, dann Sean Penn!
22. November 2011 um 6:21 nachmittags
Stimmt! Viele tendieren ja dazu, solche Rollen allein dem Aussehen nach Johnny Depp zuzuschreiben, und Cheyenne hat tatsächlich was von einem in die Jahre gekommenen Sweeney Todd, aber dennoch ist die Rolle Penn wie auf den Leib geschrieben.
24. November 2011 um 5:13 nachmittags
Steht weit weit oben auf der Liste, und das trotz deines Reviews. Denn wenn du was gut findest, finde ich es fast immer scheisse. Und umgekehrt. Vielleicht gefällt mir der ja against all odds doch
24. November 2011 um 7:05 nachmittags
Ach, na so krass würde ich das nun auch wieder nicht ausdrücken.
Wird dir gefallen, bestimmt!
30. Dezember 2011 um 1:57 nachmittags
Ich wünsch Diren guten Rutsch Dr. Mett Borsti ;O)
3. Januar 2012 um 1:19 nachmittags
Und ich ein frohes neues Jahr mein lieber Dr.Borstel!
2. Oktober 2012 um 4:55 nachmittags
Ich mochte Pen VOR diesem Film eher weniger, aber in This Must Be The Place fand ich ihn super. Der Film hat bei mir absolute “Hell-Yeah”-Stimmung ausgelöst.