Melancholia (2011)

Die Welt geht unter, das Licht an und ein Raunen durch den Saal. Ich habe noch nie eine auch nur annähernd so merkwürdige Stimmung in bzw. nach einer Kinoverführung erlebt; als hätte das Publikum beinahe Angst, wieder in die graue Wirklichkeit entlassen zu werden, die uns Dänemarks Enfant terrible Lars von Trier mit seinem Film gewordenen Nihilismus MELANCHOLIA gerade so herrlich madig gemacht hat, und tatsächlich fällt es schwer, wieder zum Alltag überzugehen, ohne dabei ständig die überwältigenden Bilder vor Augen zu haben, die von Triers ansonsten durchaus streitbares Machwerk mit sich bringt.

In einer zutiefst surrealen, verstörenden Anfangssequenz stellt von Trier seine kosmische Zerstörungsorgie der Filmhandlung voran, die uns zur Hochzeit von Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgård) führt, zu einem ländlichen Anwesen, auf welchem John (Kiefer Sutherland), der Mann von Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg), die große Feier ausrichtet. Doch Justines großer Tag steht – wortwörtlich – unter einem schlechten Stern, und während sich ihre Depressionen verschlimmern, nähert sich der interstellare Planet Melancholia der Umlaufbahn der Erde, programmiert auf Kollisionskurs, auch wenn niemand das wahrhaben will. Kein Bruce Willis, der in letzter Sekunde die Welt rettet, auch keine blindwütigen Zerstörungsorgien im Hollywoodgewand; der einst selbst depressive Trier zelebriert die bittersüße Ästhetik des Unausweichlichen, riskiert dabei wohlwissend die Irreführung durch Film- und Planetentitel: Mit Melancholie hat dieser depressive Schleier, der sich, von Justines Figur ausgehend, in der zweiten Hälfte über den ganzen Film legt, natürlich nichts zu tun, schießt sich MELANCHOLIA doch mehr und mehr auf seine Grundthese ein: Existenz ist belanglos, weil determiniert zu enden – kein Wunder, dass das Publikum beinahe verstört reagiert. Mir, dem eine solche Denkweise nicht völlig fremd ist, stellt sich stattdessen die Frage: Macht ein Film, der die Sinnlosigkeit quasi feiert, ohne dabei etwa dada wirken zu wollen, seine Handlung und vor allem auch seine stilisierte Optik dadurch nicht selbst belanglos? Und wozu das ganze dann?

Vielleicht regt ein Film wie MELANCHOLIA dazu an, sich derart wirre Fragen durch den Kopf gehen zu lassen, der Aufmerksamkeit jedenfalls ist es nicht förderlich: Trotz der mir verständlichen Philosophie der Films fiel es mir erstaunlich schwer, mich auf die (sich einzig auf die private Perspektive einschießende, den Rest der Welt ausklammernde und deshalb umso surrealer anmutende) Handlung einzulassen, eben gerade weil sie als letztendlich egal konzipiert ist, aber auch, weil von Trier dem Zuschauer den Zugang absichtlich erschwert: Die Wackelkamera kommt keine Minute zur Ruhe, solange sie sich auf das Klein-Klein jener armseligen Menschlein fokussiert, denen der Regisseur weder Verständnis noch ein allzu großes Interesse entgegen bringt: Das gilt neben der ästhetischen Darstellung ausschließlich Justine, mit der von Trier sich offensichtlich identifiziert; gleichwohl übernimmt der Film in der zweiten Hälfte die Perspektive Claires, die zunehmend panisch auf den drohenden Weltuntergang reagiert, während Justine im selben Maße ihre Fassung zurückgewinnt: Ein Pseudo-Rollenwechsel, der eigentlich nichts als leere Story-Hülse ist, weil – ich kann es nicht deutlicher sagen – das Verhältnis der beiden Schwestern für von Trier nach meinem Empfinden eigentlich keine Rolle spielt; sie scheinen mir ebenso wie der Großteil der Geschichte schlichtweg austauschbar. (Wie passend, dass von Trier die Hauptrolle ursprünglich für Penélopé Cruz angelegt hatte, sie dann aus terminlichen Gründen aber durch Kirsten Dunst ersetzen musste. Dafür immerhin darf man von Trier zu einer glänzenden Entscheidung gratulieren, denn Dunst straft hier alle Spötter Lügen.)

„The earth is evil“, stellt Justine fest. „We don’t need to grieve for it. No one will miss it.“ So weit, so nachvollziehbar und ebenso eindimensional. MELANCHOLIA ist sicher kein philosophischer Diskurs; dafür bleiben die Dialoge zum Thema zu oberflächlich, die Methode zu sehr der Holzhammer. Sieht man generell davon ab, dass ich nicht recht sagen kann, was der Film eigentlich sein, was von Trier damit bewegen möchte, ist es jedenfalls beileibe kein schlechter; dafür ist die Bildsprache zu überzeugend, die audiovisuelle Ästhetik zu treffend, Dunst zu bestechend. Ist es denn ein guter? Ich hatte während des Anschauens nicht das Gefühl. Stellte sich mir zu Beginn noch die Frage, ob von Trier den Film vielleicht als kritischen Kommentar zur Dekadenz der Moderne gemeint haben könnte, als differenzierte Auseinandersetzung mit der Volkskrankheit Depression oder ähnliches, so wird eigentlich schnell klar, dass der Däne so weit nicht gedacht hat: Alles ist sinnlos, Punktum. Wie sehr man sich auf diesen eben überraschend simplen Kern des Streifens einlassen will und kann, muss jeder selbst wissen, insofern finde ich auch eine halbwegs objektive Auseinandersetzung mit MELANCHOLIA schwierig bis unmöglich; seine Bewertung spielt sich meinem Empfinden nach auf einer sehr subjektiven Ebene ab und hat auch weniger mit dem Film an sich zu tun, mehr mit dem Eindruck, den er nach Abspannschluss hinterlässt. Dieser Eindruck, da muss ich nun doch noch die Kurve kriegen, war für mich etwa spürbar weniger negativ, als ich den Film zunächst wahrgenommen hatte; Details wie die von mir als geradezu entnervend empfundene musikalische Untermalung durch z.B. Wagner machen einem Gefühl der vagen Ratlosigkeit Platz, was man nun mit diesem unwahrscheinlichsten aller Weltuntergangsszenarien anfangen soll. Weiterempfehlen, zunächst einmal, aber nicht unbedingt in Verbindung mit einer überzeugten Bewertung, derer ich mich deshalb diesmal auch enthalte.

Fazit: MELANCHOLIA entzieht sich eigentlich jedes Fazits; so leicht es sich von Trier mit seiner konsequent depressiven, deterministischen Sinnlosigkeitssymbolik auch macht, schafft er doch einen sehenswerten Film mit langem Nachhall, zu dem man lieber mehr als zu wenige Worte verliert.

Bewertung: -

Melancholia (DK, S, FR, DE 2011) | Regie + Skript: Lars von Trier | mit Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, Alexander Skarsgård | FSK 12 | 136 min.

Weitere Meinungen: DasDingAufDerSchwelle (10/10); Equilibrium (10/10); Film-Rezensionen; Frau Flinkwert sieht alles (10/10); Going to the Movies (9,5/10)

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25 Antworten zu „Melancholia (2011)“

  • Flo Lieb

    Ich konnte mit dem Film gar nichts anfangen, schwer zugänglich finde ich die feuilletonistische Verliebtheit in den Film, die nirgends eine Begründung findet. Allenfalls in dieser, auch hier, über den Klee gelobten Optik und Darstellung von Dunst, die sich ebenfalls beide meines Verständnisses entziehen. Auch vom Nachhall der Schlussszene ist bei mir nichts über geblieben. Eine Schlussszene halt, auch nicht imposanter als bei CLOVERFIELD und Konsorten. Naja, sei’s drum.

  • bullion

    Mich interessiert dieses prätentiöse Machwerk so rein gar nicht. Bereits über den Trailer könnte ich mich aufregen. Dass das Feuilleton den Film in den Himmel lobt, bestätigt meine Meinung. Aber soll von Trier ruhig seine Filme drehen, bevor er seine teils beängstigenden Ansichten anderweitig auslebt.

    • Dr. Borstel

      Ich habe absichtlich nichts zur Cannes-Debatte geschrieben, weil ich die ganze Diskussion über von Triers Ausrutscher für heillos überzogen und schwachsinnig fand. Wenn jemand schon Nazi ist, weil er Hitlers Bewggründe nachvollziehen kann (denn nichts anderes hat von Trier behauptet) und die Politik Israels nicht mag, dann bin ich wohl auch einer. Und in von Triers Filmen spiegelt sich jedenfalls nichts wider, was auch nur entfernt auf ein derart ewiggestriges Weltbild schließen lässt, wie es ihm jetzt angedichtet wird. Also: Zu viel Gerede um nichts.

    • bullion

      Ich meine ja nicht nur diesen “Ausrutscher”, sondern sein generell sehr kalkuliertes Schockieren. Ob nun die Frauenhass-Debatte um “Antichrist” oder eben das Cannes-Debakel. Der Mann nimmt sich und seine Kunst Filme viel zu wichtig. Zu viel Egomanie für meinen Geschmack.

    • Dr. Borstel

      Ich denke nicht. Also, klar ist von Trier ein Egomane sondergleichen, aber das ist in dem Beruf vielleicht nicht das Schlechteste. Zu kalkuliertem Schockieren gehören immer zwei Seiten, und das Feuilleton nimmt solche Vorlagen eben nur allzu gerne mit. Ich meine, “Frauenhass”? Nach “Melancholia” würde ich eher das Gegenteil behaupten.

      (Unterm Strich ist mir die Person von Trier aber auch völlig wurscht, ich finde nur den Film interessant, wenn auch nicht unbedingt gut.)

  • donpozuelo

    Jetzt erklärt sich mir dann endlich auch, warum im Abspann Penelope Cruz gedankt wurde.

    Schön auch mal eine etwas andere Meinung zu dem Film zu lesen. Der gehört halt ganz klar in die Kategorie: Entweder man mag ihn oder nicht. ;)

  • Whoknows

    Na also: Das “Ja”, das ich dir getwittert habe, hat sich voll und ganz gelohnt. :) Es ging mir bis jetzt wohl mit jedem Film des Dänen so, dass ich nicht wusste, ob ich ihn mag oder nicht. Die Konsequenz: Seine Dinger stehen in meinen DVD-Regalen rum, und ich nehme mir fest vor, ihnen gelegentlich eine neue Chance zu geben – was ich dann doch nicht tue. Könnte auch bei “Melancholia” der Fall sein, falls ich mir den Film zulege. Die Meinung des Feuilletons gegenüber solch “Unantastbaren” interesssiert mich übrigens grundsätzlich wenig. ;)

  • Damian

    Wenn der Film nur halb so komplex ist, wie deine Review…Gnade mir Gott. Respektive Gnade demjenigen, den ich als Begleitung in den Film zwingen werde. Denn mir gefällt das ja… :-)

    • Dr. Borstel

      Hab ich so kompliziert geschrieben? :-D Ich versuche eigentlich schon, mich halbwegs verständlich auszudrücken und nicht mit Fremdworten um mich zu werfen (wo doch die deutsche Sprache so tolle Ausdrücke wie den Holzhammer hergibt ;-) ), ist ja kein Kulturjournal hier. Jedenfalls, alles Gute deiner Begleitung.

  • Dos Corazones

    Ich habe den Film nun endlich auch gesehen und bin mir ähnlich wie du nicht sicher, was ich davon nun halten soll. Wie schon bei Antichrist gefällt mir von Triers Auge für wunderbare Bilder – da ist er ein wahrer Ästhet. Kirsten Dunst ist auch super, aber der Film an sich, nun, da fehlen mir irgendwie die Argumente für oder gegen ihn.

    • Dr. Borstel

      Eben. Die klare Meinung stellt sich auch mit der Zeit nicht wirklich ein, und bei solchen Filmen wirkt es in vielen Kritiken eh etwas angestrengt, wenn der Kritiker sich unbedingt auf die ein oder andere Seite stellen will. In diesem Fall lasse ich einfach mal so stehen, dass ich keine Meinung habe. Wird eh viel zu selten gesagt, von bösen Nichtwählern mal abgesehen.

  • lizzz

    sehr schön. ich werd ihn mir ansehen, auch weil du so drüber schreibst.

    ich merk grad, dass ich nur deinen alten blog im reader habe, das muss ich sofort ändern.

    alles liebe von der axt.

  • Julian

    Ich bin gespannt auf den Film, warte aber auf die Blu-ray. Was die Frauenhassdebatte angeht… Klar ist Trier nicht zimperlich mit Frauen, aber der Punkt ist doch, dass ein Kriegsfilm auch nicht automatisch ein Film über Männerhass ist, nur weil Männer Männern schlimme Dinge antun – und ein Film in dem eine Frau einem Mann etwas antut, ist auch nicht gleich ein Film über Männerhass. Es ist was es ist: Eine fiktionale Geschichte.

    • Dr. Borstel

      Ganz richtig. Gerade in Bezug auf “Melancholia” ist es ja eher so, dass von Trier die männlichen Charaktere reichlich langweilig zeichnet, sie auch gerne mal den leichten Ausweg nehmen; aus der Warte könnte man ihm eher eine gewisse Verachtung, wenn auch keinen Hass, auf sein eigenes Geschlecht andichten. Ist aber schon irgendwie müßig, über derlei zu spekulieren.

  • spanksen

    Ich bin verdammt gespannt auf den Film, leider leider lief der hier natürlich nicht. Meinungen gehen ja weit auseinander, so wie bei Tree of Life (den ich auch noch nicht gesehen hab)

    • Dr. Borstel

      Den habe ich leider auch noch nicht gesehen, hätte ich gern auf der großen Leinwand getan, aber sei’s drum. Seit dem Umzug zwecks Studium habe ich ja glücklicherweise nun etwas mehr Möglichkeiten, was Kinobesuche abseits des Mainstream angeht. ;-)

  • tilly

    Ich hab nicht in den Film reingefunden und ihn icht zu ende gesehen! Aber meine Mum war fasziniert und meinte auch dass nach der Vorstellung alle still waren und die Stimmung merkwürdig …. Irgendwas hat er sicher aber er ist einfach nicht MEINS. Vielleicht schau ich ihn mal komplett wenn er im TV erscheint, wer weiss!

    • Dr. Borstel

      Dass der Film nicht jeden anspricht, kann ich gut nachvollziehen – ich hab auch nicht auf Anhieb reingefunden, schon weil er in der ersten Hälfte einfach nie zu Ruhe kommt und die Schauspieler ihr Übriges dazu beitragen. Trotzdem, ein Erlebnis!

  • Der Applejünger

    Ich bin -was meinen Filmgeschmack angeht- sehr Mainstream. Ich will im Kino einfach nur Unterhalten werden. Trotzdem interessiert mich “Melancholia” sehr.

    Die Stimmung, die du zu Beginn des Artikel beschreibst habe ich erst einmal bei einem Film erlebt: Bei “Philadelphia”.
    Das Licht ging im an – die Zuschauer blieben schweigend sitzen.
    Das Licht war mittlerweile 2 Minuten an – die Zuschauer sassen noch immer bewegungslos und schweigend in den Sitzen.
    Erst als der Vorhang langsam vor die Leinwand fuhr, bewegten sich die ersten Besucher.

    Wenn “Melancholia” ein ähnlich ergreifender Film wie “Philadelphia” ist, muß ich den unbedingt sehen.

  • Butsch

    Melancholia hat mich eher enttäuscht, zwar ist er durchaus in Film-ästhetischer Hinsicht gut gemacht aber das alleine genügt mir nicht. Die Belanglosigkeit der Story, die du angesprochen hast, ist einer der Punkte der mich am stärksten gestört hat. Ich habe mich während dem ganzen Film gefragt wieso dieser im Milieu dieser vermögenden Familie spielt, denn dieses schien geradezu austauschbar zu sein. Trier hätte hier meiner Meinung nach einen anderen Ort als Schauplatz seines Filmes wählen können, denn diese Welt des “Establishment” ist mir persönlich ohnehin unsympathisch. Wer gerne mal einen guten alten Dogma film sehen möchte der das “Establishment” gekonnt auf die Schippe nimmt der sollte sich den Film “Das Fest” ansehen.
    Auch hat mich Dunst nicht sonderlich überrascht, denn mal Ehrlich sieht man sich die anderen Filme von ihr an, dann scheint sie die Rolle eines Depressiven “armen” Mädchens schon immer gespielt zu haben, bei diesem Film hatte sie für einmal Glück das dieses Schauspiel tatsächlich auf die Rolle gepasst hat. Nun gut zumindest ist sie in diesem Film nicht ganz zur Schlaftablette verkommen.
    Ich möchte mich aber der Gültigkeit meiner harten Worte, der Subjektivität wegen ebenso wie du entziehen, denn nachdem “Hitler Sympathie Spruch” von Trier am Cannes-Festival habe ich diesen Film womöglich etwas kritischer betrachtet als er es verdient hätte.

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