
Wie verfilmt man einen Roman, der sich zu neunzig Prozent aus dem bemitleidenswerten Innenleben seiner Protagonisten zusammensetzt? Im Optimalfall, sollte festgehalten werden, gar nicht. Fühlt man sich nun doch dazu gezwungen, so ist man gut damit beraten, dieses Gefühlsleben nach außen zu stülpen – oder aber man wählt den einfachen Weg und verwandelt die mit einem eher stillen, gesetzten Humor gesegnete Vorlage in eine laute, bisweilen auch überspitzte Teen-Comedy und drückt ihr den seit einigen Jahren so beliebten Indie-Stempel samt zugehörigem Soundtrack und passendem Hauptdarsteller auf; fertig ist NICK & NORAH’S INFINITE PLAYLIST. Eventuelle rudimentäre Ähnlichkeiten mit dem Roman von Rachel Cohn und David Levithan werden wohlwollend in Kauf genommen.
Nick (Michael Cera als, nun ja, Michael Cera), Indie-Nerd und Hetero-Bassist einer Queercore-Band, suhlt sich im Selbstmitleid, seit Freundin Tris ihn abservierte, und schickt ihr weiterhin Versöhnungs-Mixtapes, die Schulzicke Tris regelmäßig in den Abfall befördert. So geraten sie Norah (Bezaubernd: Kat Dennings) in die Hände, die für Nicks Musikgeschmack zu schwärmen beginnt (der aus welchem Grund auch immer nur bedingt mit dem Nick zu tun zu haben scheint, wie er im Buch beschrieben wird). Als sich beide zufällig auf einem Gig von Nicks Band begegnen (“This might sound strange, but … would you be my boyfriend for five minutes?”), machen sie sich gemeinsam auf die Suche nach einem Geheimkonzert ihrer gemeinsamen Lieblingsband. Eine durchdachte Story ist das höchstens in Ansätzen; der Reiz des Films ergibt sich vielmehr aus allerlei skurrilen Situationen und Begebenheiten, die das New Yorker Nachtleben so mit sich bringt. Dabei treten auch schon mal geschmackliche Querschläger auf, dazu wirken die Ex-Beziehungen der Protagonisten im Gegensatz zur Vorlage so plausibel, als hätte man sie aus einer RTL-Vorabendsoap herausgeschrieben. Kurzum, das Drehbuch setzt sich aus ausnehmend liebenswerten Dialogen zusammen, überrascht mit netten Einfällen, ist unterm Strich aber dennoch eher Murks.
Dass der Film dennoch gewinnt, liegt aber nicht nur an meiner generellen Affinität zu derlei Indie-Komödien, er punktet auch mit einem großartig zusammengestellten Soundtrack (Shout Out Louds, We Are Scientists, Band of Horses, Vampire Weekend), der zwar leicht unkoordiniert in den Film hinein gestreut wurde, was aber ganz grandios zur eh wirren Story passt. Die meisten Gags treffen, die gerne mal cheesigen Dialoge sowieso, und die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern rettet mehr als eine Drehbuchschwäche. Kat Dennings ist Norah, wie ich mir Norah vorgestellt hätte, hätte ich zuerst das Buch und dann den Film gekannt. Vermutlich. Zumindest habe ich ein ganz klein wenig in sie verliebt. Michael Cera geht nicht immer, hier aber schon, und Ari Graynor als Norahs betrunkene Freundin Caroline ist eine echte Entdeckung. Die Atmosphäre des New Yorker Nachtlebens rettet den Rest. NICK & NORAH’S INFINITE PLAYLIST, über den deutschen Titel sehen wir wie immer großzügig hinweg, ist einer dieser seltenen Filme, dessen schlichtweg schlechte Story sofort ins Auge fällt (umso mehr, wenn man den empfehlenswerten Roman kennt) und an den man sich trotzdem mit Wohlwollen zurückerinnert. Ein rumdum sympathisches Kleinod voller Teenagerweisheit: “Look, other bands, they want to make it about sex or pain, but you know, The Beatles, they had it all figured out, okay? ‘I Want to Hold Your Hand.’ The first single. It’s effing brilliant, right?… That’s what everybody wants, Nicky. They don’t want a twenty-four-hour hump sesh, they don’t want to be married to you for a hundred years. They just want to hold your hand.”
Fazit: Zwischen mehr als sympathischen Darstellern, liebenswürdigen Dialogen und einer überhaupt sehr gelungenen Atmosphäre fällt die nicht wirklich schlüssige Story dieser Feelgood-Indie-Romanze merkwürdigerweise kaum ins Gewicht.
Wertung: ★★★★★★★★½ ☆
Nick & Norah’s Infinite Playlist (dt. Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht, USA 2008) | Regie: Peter Sollett | Skript: Lorene Scafaria | Vorlage: Rachel Cohn, David Levithan | mit Michael Cera, Kat Dennings, Ari Graynor | FSK 6 | 89 min.
Weitere Meinungen: At the Movies; Coffee & TV; The Stiller


14. August 2011 um 3:15 nachmittags
Ich find den Film auch ausgesprochen sympathisch. An Dennings habe ich eh einen Narren gefressen und Michael Cera geht bei mir sowieso immer.
Muss ich mir mal wieder angucken
14. August 2011 um 8:56 nachmittags
Dass Cera immer geht, würde ich nicht sagen. Cera spielt halt Cera-Typen, auch hier, und das kann er hervorragend, und ich verstehe auch beim besten Willen nicht, wie gewisse Journalisten etwas daran auszusetzen finden, dass er sich damit auf einen Rollentypus festspielt. Das ist ja schließlich bei der Hälfte aller großen Schauspieler Hollywoods mehr oder weniger der Fall, sieht James Stewart, Gary Cooper usw.
14. August 2011 um 3:59 nachmittags
Hm, mich hat die ganze Atmosphäre des Films nie wirklich überzeugen können – ich fand es nicht niedlich, naiv oder sympathisch, sondern eher nervig wie Dennings und Cera durch die Stadt herumgurkten.
Aber vielleicht war ich im maßgeblichen Zeitpunkt aber auch einfach innerlich an einem sehr bösen Ort und konnte dem Film deswegen nur wenig abgewinnen. Das Zitat mit “They just want to hold your hand“ hätt mir eigentlich gefallen müssen, aber hat es leider nicht…=[
14. August 2011 um 8:37 nachmittags
Hätte, wäre, wenn.
Na ja, ich schätze, aus dem Review kann man ja herauslesen, dass man den Film nicht mögen muss.
14. August 2011 um 4:24 nachmittags
Bei mir gab’s seinerzeit 6/10. Der Film war ok, leider aber nicht mehr, obwohl ich “solche” Filme eigentlich auch mag…
14. August 2011 um 8:43 nachmittags
Ach, stimmt, bei dir hatte ich auch mal was drüber gelesen. Schade eigentlich, aber ich kann es schon nachfühlen.
14. August 2011 um 5:38 nachmittags
Wollte ich auch schon immer mal sehen, das es sich eben wie einer “dieser” Filme anhört. Bin bisher aber noch nicht dazu gekommen. Wird nun aber vehementer vorgemerkt.
14. August 2011 um 8:50 nachmittags
“Diese” Filme scheint ja jeder zu mögen.
Einen Versuch ist es allemal wert.
14. August 2011 um 6:11 nachmittags
Liegt auch noch rum, und dass ich Cera mag, ist ein offenes Geheimnis. Glaube ich. Wär das dein Scott Pilgrim-Ersatz?
14. August 2011 um 8:53 nachmittags
Ach, das hat doch mit Scott Pilgrim nichts zu tun. Ich mag Cera ja, nur passt er eben nicht in jede Rolle, und der Comic-Scott hat mit dem von Cera gepflegten cheesy Emo-Geek so gar nichts zu tun, finde ich. Hier passt’s aber, darum: \o/
15. August 2011 um 7:04 vormittags
Nie von gehört, mal schauen ob ich den noch irgendwo finde, probiere grad ein wenig Maxdome aus. Sag mal, hast du eigentlich Oldboy gesehen? Dieser Film hat es auf Anhieb in meine Top 10 ever geschafft, aber komischerweise schaffe ich es kaum jemanden für koreanische Filme begeistern zu können.
15. August 2011 um 3:03 nachmittags
Nope, noch nicht. Steht seit Ewigkeiten auf meiner Liste; könnte sogar sein, dass der hier noch irgendwo auf VHS rumfliegt.
Dieses Versäumnis sollte ich mal aus der Welt schaffen, bin mir allerdings noch unschlüssig, ob ich nicht vorher den Manga lesen sollte. Grundsätzlich bin ich für asiatisches Kino aber zu haben.
15. August 2011 um 8:21 vormittags
Klingt ja ganz nett… Sollte auch mal versuchen, den aufzutreiben. Danke für den Filmtipp!
15. August 2011 um 3:03 nachmittags
Dafür bin ich da.
15. August 2011 um 9:55 vormittags
Oh…woah. Das sieht ja super aus. Hab ich mir jetzt gleich mal bestellt. Man dankt.
15. August 2011 um 3:04 nachmittags
Du kennst den nicht? Hui, wundert mich. Dürfte genau deine Kragenweite sein, vermute ich.
15. August 2011 um 4:59 nachmittags
Hab den Trailer gesehen und hatte daraufhin eigentlich spontan Mordlust … Das Buch hab ich 2008 geschenkt bekommen und wohl schon über 20 Mal gelesen, es ist einfach gut.
Und deswegen hab ich mich bisher davor gescheut, den Film zu sehen.
Und – Entschuldigung? NORAH fragt NICK ganz sicher nicht, ob ER IHR Freund sein will.
Ich glaub, jetzt weiß ich wieder, warum genau ich den Film nicht sehen wollte – da würde ich mich ja die ganze Zeit über die Macken aufregen.
Allerdings ist der Soundtrack wirklich bombe.
15. August 2011 um 7:20 nachmittags
Ich weiß, es wurde wirklich viel geändert. Dass ich den Film schon vor dem Buch kannte, macht nichts, bei der letzten Sichtung habe ich mich trotzdem über vieles aufgeregt. Schon weil das Buch deutlich mehr Gefühl hat, wenn auch ähnlich wenig Handlung. Sehr empfehlenswert jedenfalls.
15. August 2011 um 7:45 nachmittags
Ja und gerade die schönen inneren Monologe oder … man denke nur an den Anfang, das kann man nicht in einen Film packen. Wenns dann trotzdem versucht wird, kann das ja auch nur schief gehen. Hoffen wir, dass nicht zu viele Buchkenner beim Kinobesuch an Herzattacken von uns geschieden sind… ^^
16. August 2011 um 9:53 vormittags
Richtig. Wie ich schon schrieb: Am besten versucht man’s erst gar nicht. Mit dem Kniff, sich fast vollständig von der Vorlage zu lösen, haben die Macher dann aber meiner Meinung nach noch ganz gut die Kurve gekriegt. (Wobei mir da wahrscheinlich auch hilft, dass ich, wie gesagt, den Film zuerst kannte – darum kann ich Buch und Film ganz gut getrennt voneinander betrachten. Generell bin ich ja auch kein Fan von Literaturverfilmungen.)
17. August 2011 um 8:13 vormittags
Der Film ist ja an mir total vorbeigegangen. Aber Michael Cera ist ja wirklich ein ganz witziger. Werd ich mal auf die Liste schreiben
17. August 2011 um 8:15 vormittags
Der Film ist ja absolut an mir vorbei gegangen. Aber der wird sich jetzt gemerkt!!!
18. August 2011 um 9:27 vormittags
Sach mal, mit geschmacklichen Querschlägern, meinst du da zufällig die Kaugummi Szene
Alter, ich war grade am Nussmüsli essen und hätte es fast wieder ausgespuckt
Film war ansonsten wirklich lustig, danke für den Tipp
18. August 2011 um 10:07 vormittags
Ja, genau die Szene hatte ich dabei im Hinterkopf.
Die wäre mir auch fast ein bisschen zu viel geworden. Davon abgesehen freut’s mich aber, dass der Film dir gefallen hat.
7. Oktober 2011 um 11:02 vormittags
[...] Nick and Norah’s Infinite Playlist rum, aber so wirklich angefasst hab ich sie nie. Erst mit Borstels durchwegs positiver Review kam der Film wieder auf meinen Radar, und in der Hoffnung, eine [...]