
Als erste „Kränkung der Menschheit“ bezeichnete Sigmund Freund das im sechzehnten Jahrhundert von Nikolaus Kopernikus aufgestellte heliozentrische Weltbild, das die irdische Sonne in den Mittelpunkt des Kosmos rückte, in welchem sich bislang der Mensch wähnte. In SUNSHINE schicken Danny Boyle und Alex Garland eine Gruppe von Astronauten auf eine Mission ebendiesem Zentrum entgegen: Im Jahre 2057 droht die Sonne zu erlischen, was Leben auf der Erde unmöglich machen würde. Die letzte Hoffnung der Menschheit liegt in der Zündung einer Bombe, welche die Kernfusion des Sterns erneut entfachen soll – transportiert von der Icarus II, deren Reise ins Herz des Sonnensystems für die acht Besatzungsmitglieder zu einer Konfrontation mit der Frage wird, inwieweit der Mensch sich in die Schöpfung einmischen darf und sollte.
Science Fiction bedeutet seit jeher nicht nur die Begegnung mit der Zukunft, sondern in ihren besten Momenten auch das Vorstellen des Unvorstellbaren: Wie soll man sich in eine Situation einfühlen, in der man als Teil einer kleinen Crew für den Fortbestand der Menschheit, des irdischen Lebens verantwortlich ist, während zugleich Angst und Isolation der jahrelangen Reise durch das All an einem nagen? Eine schwere Hypothek für einen anderthalbstündigen Spielfilm, und in diesem Kontext darf Danny Boyles SUNSHINE ruhig als Meisterwerk, als einer der stärksten Vertreter des Genres überhaupt verstanden werden, denn der Brite versteht es nicht nur, die Psyche seiner Astronauten über Garlands sensibles, ohne große Worte auskommendes Skript meist zufriedenstellend anzureißen, der Charakterisierung der Figuren entsprechend der begrenzten Länge des Films gerade genügend Raum zuzubilligen, um etwa Capas Träume vom freien Fall oder Searles Sehnsucht nach dem Sonnenlicht während der langen, dunklen Reise überzeugend in Szene zu setzen und gerade die Spannungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen der Crew, die gelegentlich mit den Interessen der Mission kollidieren, eindringlich herauszuarbeiten. Auch, man mag sogar sagen vor allem, überzeugt SUNSHINE auf audiovisueller Ebene; das Zusammenspiel von visuellen Effekten, vor allem im Zusammenhang mit dem Sonnenlicht, und dem von der britischen Electronic-Band Underworld in Zusammenarbeit mit John Murphy beigesteuertem Score macht den Film zu einem überwältigen Ereignis.
Während des Passierens des Merkur fängt die Crew einen jahrealten Funkspruch auf, ausgestrahlt offenbar von der Icarus I, der als verschollen geltenden Vorgängermission. Mit deren Scheitern konfrontiert, werden sich auch Capa (Cillian Murphy, INCEPTION), Cassie (Rose Byrne, DAMAGES), Mace (Chris Evans) und der Rest der Crew zunehmend der Verantwortung bewusst, die auf ihren Schultern lastet, sowie der Frage, ob es dem Menschen überhaupt zusteht, sich so sehr in den Lauf der Dinge einzumischen. Entsprechend gerät SUNSHINE in der zweiten Hälfte zunehmend zu einem albtraumhaften Psychotrip, tritt der Crew eine gesichtslose Nemesis gegenüber, die gleichsam die Frage nach dem Willen Gottes, das Ende der Menschheit herbeizuführen, verkörpert: Gelingt es dem „gekränkten“ Menschen, sich in letzter Konsequenz von seinem altertümlichen Selbstbild als von Gott und Schicksal Gelenktem loszusagen, sich seine Rolle im Universum zu suchen, vielleicht sogar selbst als Schöpfer in Erscheinung zu treten? Liegt das in seinem Wesen? In dieser Hinsicht behandelt SUNSHINE eine der ganz großen Fragen der Menschheit, sucht sich selbst einen durch und durch atheistischen Standpunkt, ohne diesen allzu plakativ auszuwalzen; zugleich wird auf diese Weise auch der Genrewechsel zum Ende hin verständlich, notwendig und gelungen: Eine Reise in den Mittelpunkt der Schöpfung, sicher hätte dem auch Freud zugestimmt, muss zugleich auch ein Trip in die Abgründe der eigenen Psyche werden. SUNSHINE ist fraglos durch Klassiker wie 2001 oder SOLARIS beeinflusst, dennoch erschafften Boyle und Garland mit ihrer überwältigenden Sinnsuche zwischen Existenzialismus und packender Unterhaltung etwas ganz Eigenes, Großartiges.
Fazit: Boyle und Garland schicken ihre Crew auf eine audiovisuell überwältigende Reise in Zentrum des Sonnensystems und ihrer eigenen Hoffnungen und Ängste. So brillant kann Science Fiction sein.
Wertung: ★★★★★★★★★½
Sunshine (UK 2007) | Regie: Danny Boyle | Skript: Alex Garland | mit Cillian Murphy, Chris Evans, Rose Byrne, Michelle Yeoh, Mark Strong | FSK 12 | 103 min.
Weitere Meinungen: At the Movies (8/10); Frau Flinkwert (8/10); Kino, TV & co. (7/10); Symparanekronemoi (8,5/10); The Gaffer; Tonight is gonna be a large one (7/10)


11. Juni 2011 um 12:55 nachmittags
Einer der wenigen Filme, die ich schlechter einschätze als du. Eine Zweitsichtung ist bei mir schon länger überfällig…
11. Juni 2011 um 1:03 nachmittags
Die kann bestimmt nicht schaden. Ich hatte schon eine ganze Weile das Gefühl, dass der Film eigentlich nicht so gut gewesen sein kann, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Nach der Zweitsichtung darf ich sagen: Doch, kann er, hat vielleicht sogar noch etwas gewonnen.
11. Juni 2011 um 12:59 nachmittags
“Auch, man mag sogar sagen vor allem, überzeugt SUNSHINE auf audiovisueller Ebene; das Zusammenspiel von visuellen Effekten, vor allem im Zusammenhang mit dem Sonnenlicht, und dem von der britischen Electronic-Band Underworld in Zusammenarbeit mit John Murphy beigesteuertem Score macht den Film zu einem überwältigen Ereignis.”
Oh ja, 100% Zustimmung.
11. Juni 2011 um 1:02 nachmittags
in diesem Kontext darf Danny Boyles SUNSHINE ruhig als Meisterwerk, als einer der stärksten Vertreter des Genres überhaupt verstanden werden
Von mir gabs zwar 1 Punkt weniger, aber trotzdem: WORD.
11. Juni 2011 um 1:04 nachmittags
Freut mich, dass wir da mal auf einer Linie liegen.
11. Juni 2011 um 2:13 nachmittags
Von mir gäbs ‘n 9er. “Sunshine” ist, was SciFi zu sein hat – nicht bloß ‘n Film, sondern ‘n Erlebnis
11. Juni 2011 um 2:16 nachmittags
Richtig. Und da scheue ich mich auch nicht, “Sunshine” gleichberechtigt neben “2001″ zu stellen, denn beide haben mich in sehr ähnlichem Maße fasziniert.
11. Juni 2011 um 4:34 nachmittags
nope. Was sagste denn zum letzten Drittel? Der Bruch mit den Behauptungen die vorher aufgestellt wurden,ist doch eklatant. Wobei erste mM auch kaum eingelöst werden, weil er zu sehr auf Suspense setzt
12. Juni 2011 um 9:58 vormittags
“Mit den Behauptungen, die vorher aufgestellt wurden”? Konkretisier mal. Ich empfand den “Bruch”, der ohnehin oft radikaler dargestellt wird, als er tatsächlich ist, als eine sehr stimmige Konsequenz der Handlung. Pinbacker als Quasi-Manifestation des Gegensatzes von Gottes- bzw Schicksalsglauben und Fortschritt bzw. Überleben durch Eigenverantwortung einzuführen ist vielleicht die Holzhammermethode, aber ja, es macht den Film verdammt spannend. Und wenn Boyle dem Zuschauer unbedingt darlegen möchte, dass er “Alien” super fand, habe ich da nichts gegen.
12. Juni 2011 um 11:36 vormittags
Zu Beginn versucht sich Sunshine ja an den beschriebenen existenziellen Fragen der Menschheit, bzw. abzuarbeiten, auch mit der opferbereit und natürlich mit einem geissen Erlösersyndrom. Das gelingt mM ja nicht wirklich, aber Boyle versucht dies ja durch den Subtext rüberzubringen. Die Manifestation, die Körperlichwerdung von Murphys Gegenpart ist doch ein glatter Bruch, der eben nicht ins Konzept passt, weil nichts darauf hindeutet, er ist plötzlich da. Wie aus der Zauberkiste gezaubert, eine Hinführung, durch andeutungen wäre hier doch viel logischer und kosequenter gewesen.
12. Juni 2011 um 12:01 nachmittags
Ah, aber Murphy führt diese Konfrontation mit seinem Gegenpart ja, wenn auch unbewusst, selbst herbei, indem er die Mission von ihrem Weg abweichen lässt. Er zweifelt am bisherigen Weg; die Manifestation seiner Nemesis und damit das beinahe Scheitern der Mission erweist sich als Konsequenz. Murphy bricht aus seinem vorgegebenen Schicksal aus, um beinahe daran zu scheitern, dass er sich seinen Ängsten, seiner Verantwortung stellt; letztlich gewinnt er doch. Für mich konsequent; allenfalls wäre an der Lesart störend, dass ein Festhalten am gesetzten Kurs (analog zum Schicksal) wohl zum größeren Erfolg geführt hätte, womit der Film sich selbst etwas untergräbt. Fällt mir auch erst jetzt auf, na ja, kann aber darüber hinwegsehen.
13. Juni 2011 um 5:19 nachmittags
Ich finde das ja alles sehr gelungen, die ganze Einbauung der Icarus II als Vermittelung der Drastik zum einen und Authentizitierung andererseits. Wie oft bequemt sich Hollywood mal eben Bruce Willis auf nen Asteroiden zu schicken und der regelt das dann? Hier scheitert eine Weltenrettungsmission und eine 2. muss los. Dass Capa sich hier entscheidet, zum Wrack des 1. Schiffes zu gehen, ist da für mich von wissenschaftlicher Seite aus konsequent. 2 Bomben sind besser als 1, zudem lässt sich evtl. feststellen, was beim 1. Mal schief gelaufen ist. Pinbacker sehe ich hier weniger als Capas Gegenpart denn als letztliche Weiterführung der Curtis-Figur (mit “Was-wäre-wenn?”-Charakter). Dass hier Menschen auf eine Göttermission (die Erschaffung eines neuen Sterns) geschickt werden, ist für mich nachvollziehbares Element, um einen von ihnen, in diesem Fall Pinbacker, ins Religiös-Pantheistisch- Fundamentalistische abgleiten zu lassen. Wenn 2001 dann plötzlich zu EVENT HORIZON wird, ist das natürlich ein harter Bruch, mit dem nicht jeder klarkommt, für die Dramaturgie des Ganzen jedoch sinnvoll erscheint. Großes Tennis jedenfalls
11. Juni 2011 um 8:41 nachmittags
Bei mir braucht ein Science Fiction ja grundsätzlich viel, bis er mir gefällt. Mit “Sunshine” konnte ich kaum etwas anfangen, weswegen ich schon von diversen Freunden in Stücke gerissen wurde. Visuell überragend, von der Handlung her mau.
P.S.: Wir sind uns doch wohl einig, dass es sich bei Sigmund Freund um Freud handelt?
12. Juni 2011 um 10:00 vormittags
Hm, ein freud’scher Verschreiber war das wohl nicht, denn zwei Jahre Deutsch-LK und Philosophie-Lektüren haben nicht unbedingt dazu beigetragen, mich mit Sigmund anzufreunden.
12. Juni 2011 um 10:56 vormittags
Sunshine zählt echt zu den ganz Großen des Genres. Allerdings fand ich den Auftritt der Nemesis dann etwas…seltsam. Irgendwie passte der Kerl nicht in das bisherige Konzept der Geschichte. ( Und warum gerade dieser Schauspieler schon wieder den Part des Bösen übernehmen muss…reden wir nicht drüber.
)
Trotzdem großartige Unterhaltung. Muss man gesehen haben.
12. Juni 2011 um 11:32 vormittags
Ja, dass 50% der Hollywood-Schurken heutzutage mit Mark Strong besetzt werden, verstehe, wer will. Der sieht doch nicht mal besonders böse aus …
12. Juni 2011 um 12:13 nachmittags
Hast mich total neugirieg gemacht
12. Juni 2011 um 12:46 nachmittags
Ich würde lügen, wenn ich sagte, das wäre nicht beabsichtigt gewesen.
13. Juni 2011 um 6:42 vormittags
Ich gestehe, dass ich “Sunshine” recht mies in Erinnerung habe. Allerdings liegt meine letzte Sichtung auch schon Ewigkeiten zurück (ich glaube sogar, es war im Kino
).
Da ich ja nun weiß, dass wir in unserem Filmgeschmack eigentlich relativ häufig konform mit einander sind, sollte ich mir “Sunshine” noch einmal zu Gemüte führen. Allein schon wegen Cillian Murphy, den ich wirklich gerne sehe und wegen einer Weltraum-Reise zur Sonne.
13. Juni 2011 um 10:27 vormittags
Rückblickend würde ich den ja wirklich unheimlich gerne im Kino gesehen haben.
Allein die Szene, in der Capa und der Captain die Abschirmung reparieren, stelle ich mir auf der großen Leinwand wirklich überwältigend vor. Kommt aber auch auf Bildschirm noch wirklich heftig. Ich bin jedenfalls lange nicht mehr so in einem Film versunken, wenn man das so sagen kann.
13. Juni 2011 um 5:37 nachmittags
Mmh, ich weiß gar nicht mehr warum ich den damals ausgelassen hab, ich glaub mich erinnern zu können dass der recht schlechte Kritiken hatte und jetzt dein Review hier….muss ich wohl noch dringend nachholen
14. Juni 2011 um 1:30 nachmittags
Ich glaube, die Kritiken gingen eigentlich, auch wenn durchaus Verrisse dabei waren. Ist bei SciFi aber eigentlich immer der Fall, und die ist meiner Ansicht nach selten so gelungen wie in diesem Fall.
13. Juni 2011 um 7:08 nachmittags
“Als erste „Kränkung der Menschheit“ bezeichnete Sigmund Freund das im sechzehnten Jahrhundert von Nikolaus Kopernikus aufgestellte heliozentrische Weltbild, das die irdische Sonne in den Mittelpunkt des Kosmos rückte, in welchem sich bislang der Mensch wähnte.”
Um Himmels Willen und in drei Teufels Namen, woher WEIßT Du solche Sachen? Abiturient!
14. Juni 2011 um 1:32 nachmittags
Hmja, für irgendwas muss der Deutsch-LK ja da sein.
22. Juni 2011 um 8:25 vormittags
Ich wünschte, wir hätten sowas gemacht, damit ich das gleiche von meinem LK behaupten könnte.
14. Juni 2011 um 1:07 nachmittags
So, zieh mir den heute Abend rein, hoffentlich strahlt RTL II den auch in nativ HD aus – wenn ich schon Werbeunterbrechungen in Kauf nehme
14. Juni 2011 um 1:37 nachmittags
Wäre schon besser, denn wie gesagt, Optik und Sound sind hier locker die halbe Miete. Mit Werbung ist eh immer suboptimal, wobei man die hier dümmer oder klüger staffeln kann, je nachdem …
26. Juni 2011 um 12:34 nachmittags
Sehr schön geschrieben. Und: Ich LIEBE diesen Film. Zwar bin ich der Meinung, dass der Genrewechsel am Ende ihm ein kleines bisschen schadet, dafür ist das Gesamtbild aber einfach viel zu positiv. Diese Musik, diese ruhigen, klaren Bilder… hach. Wenn er jetzt nicht in der falschen Wohnungen liegen würde, hätte ich ihn mir sofort nochmal angeguckt.
Übrigens hoffe ich ja, dass Angels and Airwaves’ Love ein kleines bisschen in dieselbe optische und akustische Richtung geht. Und sich storytechnisch nicht so sehr an der letzten Solaris-Verfilmung orientiert.
29. Juni 2011 um 9:43 vormittags
Da kann ich nur zustimmen. “Sunshine” ist sicherlich auch dafür verantwortlich, dass ich schon ein großes kleines Bisschen neugierig auf “Love” bin. Neben meiner Verehrung der Band natürlich.
3. Juli 2011 um 8:13 nachmittags
SUNSHINE hätte für mich ganz klar das Potential zu einem 10 Punkte Meisterwerk gehabt – wenn nicht der grottige letzte Akt gewesen wäre. Auf absolut geniale Weise werden die Geschichte, die Spannung und die zunehmenden Probleme und Hindernisse inszeniert, einschließlich eines grandiosen Looks und wenn ich mich recht erinnere Sounds.
Mit Gänsehaut und gespannter Erwartung fieberte ich während des Films mit, nur um dann am Ende von einem herkömmlichen Sci-Fi-Monsterfilmschlussakt enttäuscht zu werden, welcher völlig mit dem vorher aufgebauten bricht. Der letzte Akt macht alles zunichte, nur die Erinnerung an das positive Erleben bis dahin bleibt.
Diese Erinnerung macht SUNSHINE einerseits sehenswert, aber gleichzeitig für mich zur mitunter größten Sci-Fi Enttäuschung der letzten Jahre – leider!
14. Juli 2011 um 6:21 nachmittags
Oh schön danke, ich hab kürzlich irgendwo bei blog.de eine recht vernichtende Kritik über diesen wunderbaren Sci-Fi gelesen, der wirklich mit allem punkten kann und so wahnsinnig mitreißend inszeniert ist, dass ich den Film jetzt noch mal auf meine Leihliste gesetzt habe, um mich zu vergewissern, dass meine positive Erinnerung stimmt *lach*.
17. Juli 2011 um 5:15 nachmittags
Da war ich mir vor meiner Zweitsichtung auch gar nicht so sicher.
Hat aber wirklich gestimmt, garantiert auch bei dir.
23. September 2011 um 1:37 nachmittags
Na hoppla! Endlich gibts mal was positives über “Sunshine” zu lesen. Die Zahl der positiven Reviews hielt sich ja bisher in Grenzen; und viele Betrachter wurden mit “Sunshine” einfach nicht warm…
Ansonsten: gute Rezi!